So sehr Schach an sich eine Einzelsportart ist, so sehr elektrisieren dennoch die Mannschaftskämpfe. Nicht umsonst polarisierte eine vergangene Caissa-Webseite die Gemüter des Kreises Augsburg wie keine andere, sobald über den Wettstreit zweier Vereine berichtet, interpretiert und phantasiert wurde. Die Deutungshoheit über die Geschehnisse an den acht Brettern sorgte bei einigen für schlaflose Nächte und vielleicht ist dieser kulturelle Metaaspekt beim Aufeinandertreffen so verschiedener Charaktere wie im Schach das Salz in der Suppe. Nüchterne Schachspieler entpuppen sich als Rechthaber, Provokateure oder Sozialkritiker und so darf das auch sein.

Nimmt man nun den Wettkampf gegen Haunstetten als Beispiel, so war der sportliche Ergeiz hüben wie drüben eigentlich auf die einzelnen Partien beschränkt, da wohl beide Vereine nicht an einem Aufstieg interessiert sind. Trotzdem ist ein Mannschaftssieg immer willkommen und jedenfalls formal trafen am Samstag die Zweiten auf die Ersten.

Nachdem sich bis jetzt kein Berichterstatter aufraffen konnte, wollen wir mangels Phantasie zumindest auf die martialischen Schlagzeilen der Haunstetter Webseite reagieren. (Titel wurde mittlerweile ebenso wie der Inhalt - warum auch immer - geändert)

Der Autor Rampp sieht uns als hochmotivierte Gegner, die jedoch förmlich überrollt wurden. Motiviert sind wir immer - daß sich diese Motivation aber dadurch ausdrückt, daß der Spielleiter und Mannschaftskäptn diesmal nicht als Erster, sondern erst 10 15 Minuten vor Beginn der blutigen Schlacht eintraf, ist sicherlich zu beanstanden und wird auch intern für Diskussionen sorgen. Die Schilderung des Spielgeschehens sorgte für die ein oder andere anderslautende Meinung eines Mannschaftskameraden in meinem Postfach. So stand beispielweise unser Brett vier in der Schlußstellung nicht schlechter sondern laut Rechner auf Gewinn:

Weinberger (ex-Kellermann) - Heimann

An Brett drei war meine subjektive Wahrnehmung eine recht komplizierte und für uns wohl eher vorteilhafte Stellung wenige Züge vor Schluß.

Die Fähigkeit zur objektiven Stellungseinschätzung zeigte der Autor aber auch während des Kampfes: So informierte er mich schon während der Partie in meiner Raucherpause über seine Stellungsvorteile nach 15 Zügen mit Schwarz. Das weitere Geschehen wurde klar abgesteckt: "Am Damenflügel hast Du gar nix und am Königsflügel bekomm ich nach f5 starken Angriff." Mein Erstaunen über diese selbstbewußte Einschätzung steigerte sich noch, als der Gegner seine scheinbare Traumstellung mit der für ihn so typischen Frage verband, ob ich denn noch weiterspielen wolle. Völlig verwirrt und ohnehin schon aus meinen (wahrscheinlich stümperhaften) Überlegungen zur Partie gerissen, versicherte ich lediglich, daß ich nicht an einem Remis interessiert sei. Zu unverständlich waren mir seine ängstlichen!? Remisofferten, als er noch in Caissas Diensten stand. Plötzliche Punkteteilungen nach 10, 12 oder gar 0 Zügen hatten damals unseren Ruf als spielwütige Truppe etwas rampponiert. Eine erneute Raucherpause nach meinem 40. Zug nutzte der überzeugte Didakt, um den Spielverlauf meiner vermeintlich aufgabereifen Partie Revue passieren zu lassen. Prophylaktisch erklärte ich auch zum Staunen unseres dritten Brettes, daß ich nach wie vor nicht an einem Remis interessiert sei. Gedanklich weiter abscheifend von meiner Partie stellte ich mir die Frage, ob eine selbstverstandene didaktische Berufung mit dem Verlangen zu tun haben könnte, anderen etwas einreden zu wollen.

Um meine Gedanken bildlich zu unterfüttern, hier die ziemlich interessante Stellung sechs Züge nachdem mir erklärt worden war, was bei mir alles schief gelaufen sei.

Luhn - Rampp

Zwar verfügt Schwarz über eine Mehrqualität, aber die Königssicherheit sowie die Bauernstruktur könnten gegensätzlicher gar nicht sein. Meinen ersten Impuls Df5 verwarf ich zu Gunsten der Idee, nach Lf1? meinen König auf g2 verstecken und somit den Läufer nach etwaigem Sf3+ behalten zu können. Der Rechner bestätigt, daß das gradlinigere Df5 ausreichend für ein Remis ist. Da wir jedoch alle nicht wie der Computer spielen, ist der Ausgang völlig offen. Schwarz wird nie ein sicheres Plätzchen für seinen König und bei korrektem Spiel keinen Weg finden, seine Freibauer umzuwandeln. Gegen einen Rechner allerdings wird Schwarz als menschlicher Spieler diese Stellung sogar verlieren.

Nachdem meine kleine Beschwerde nach der Partie offenbar den Artikel auf der Haunstetter Seite beflügelt hat, verweise ich ausnahmesweise auf die FIDE-Regeln, Punkt 11.5.

Die Partie am Spitzenbrett wurde durch einen Doppelfehler entschieden, als unser Mann das wünschenswerte Se4 spielte und die Doppeldrohung nach Sf4 übersah: Sg6 + Lxc4. Prophylaktisches Sd6 hätte die Spannung aufrecht erhalten. Vermutlich durch den Überseher ausgelöst war auch der nächste Zug nicht das gelbe vom Ei. Ein nur allzu bekannter psychologischer Effekt (nicht nur im Schach).

Behling - Krämer

In Sv. Müller - Kowalewski war der Knackpunkt wohl diese Stellung, in der Tb1 die Doppeldrohung Lxf5 und Lxc3 pariert hätte. Nach Ta3 kam Weiß stattdessen in Nachteil.

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Kommentare

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unbeteiligter Beobachter Ich finde es außerordentlich schade, daß der begonnene Disput von Webseite zu Webseite nun scheinbar eingestellt wurde. So wurden beide Artikel offenbar entschärft. Sind die involvierten Personen sich ihrer Verantwortung für das Augsburger Publikum nicht bewußt? Ein ordentlicher Diskurs hat noch niemandem geschadet! Thu, 05 Dec 2019 23:47:38

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